Foto Tor zur Kindheit Trauer

Wenn sich das Tor zur Kindheit langsam schließt

Ich habe lange überlegt, ob dieser Beitrag in diesen Blog passt. Es geht um ein Thema, das gerade ab 40+ für die meisten von uns immer präsenter wird, obwohl wir es eigentlich gerne verdrängen wollen: der Tod eines Elternteils. Doch Trauer gehört zum Leben dazu und deshalb auch in diesen Blog. Ich musste mich im letzten Jahr damit beschäftigen. Was mir seit dem auffiel: es wird kaum über Tod und Trauer gesprochen, obwohl beides zum Leben dazu gehört. Trauer ist persönlich und mitunter auch intim. Aber mir hat es ungemein geholfen, wenn mir Freunde und Bekannte erzählt haben, wie sie getrauert haben und mit dem Thema Tod umgegangen sind. Deshalb will ich das nach diesem intensiven Jahr auch tun, denn es gibt keine allgemeingültige Faustregel, wie Trauer aussieht oder jemand trauert. Jeder trauert und fühlt anders. Hier also meine Trauergeschichte.

 

Der Tag, an dem die Zeit still stand

 

In wenigen Tagen ist es genau ein Jahr her, dass mein Vater ganz plötzlich starb. Es war wirklich plötzlich und unerwartet, denn auch mit seinen 74 Jahren strotzte er vor Aktivität, Sportlichkeit und Humor. Aber so gesund wie wir dachten, war er nicht, denn sonst würde er ja heute noch leben. Es war ein großer Schock. Noch einen Tag zuvor hatten wir uns munter nach einigen schönen, gemeinsamen Tagen voneinander verabschiedet. Hatten Pläne für das nächste Wiedersehen gemacht. Kaum 24 Stunden später war alles anders.

Zum ersten Mal im Leben hatte ich das Gefühl, die Zeit steht still und es entsteht eine Art von Vacuum. Man fängt noch in der Schockstarre an zu funktionieren, zu organisieren und zu koordinieren. Nachdenken über das, was gerade passiert ist? Nicht wirklich. Irgendwie gab ich mich die erste Zeit der Hoffnung hin, dass alles nur ein schlechter Traum sei, der in Kürze endet, ich meinen Vater anrufen könnte und erleichtert seine Stimme hören würde. Aber das war es nunmal nicht und langsam, ganz langsam kam die Einsicht.

 

Wie geht Trauer?

 

Als Kind war ich mit vielen Todesfällen in der Familie groß geworden. Ich hatte viele ältere Tanten und Onkel und es gehörte fast dazu, einmal im Jahr zu einer Beerdigung zu fahren. Was Trauer ist, wusste ich damals noch nicht. Man weinte, die meisten Angehörigen jedenfalls, man trug schwarze Kleidung. Aber das war es auch schon. Dieser Einschlag aber ging mir wirklich nahe. Einer der Menschen, die ich als erstes in meinem Leben um mich hatte, war plötzlich weg. Und mit 45 Jahren fühlte ich mich so hilflos, wie ich es in meiner Erinnerung noch nicht erlebt hatte.

Aber was macht man als trauernder Mensch eigentlich? Weint man den ganzen Tag? Darf ich noch lachen? Darf ich mit meinen Kindern ausgelassen toben und spielen? Erstaunlicherweise tat ich wohl immer das, was mir gerade gut getan hat. Und das war mal Weinen, mal Lachen, mal Spielen und Toben, denn auch wenn die Uhren scheinbar jetzt anders gehen, die Zeit läuft weiter und das Leben auch. Und darin liegt etwas Tröstendes.

 

Das Tor zur Kindheit

 

Für einen Vater, dessen Kind stirbt, stirbt die Zukunft. Für ein Kind, dessen Eltern sterben, stirbt die Vergangenheit. (Berthold Auerbach, 1812-1882)

Dieses Zitat beschreibt genau das, was für mich mit das Schwerste war: zu begreifen, dass die Vergangenheit, die Kindheit, definitiv nicht mehr wiederholbar und jetzt abgeschlossen ist. Wenn ich ein Bild neben den vielen Bildern meines Vaters seit einem Jahr vor mir habe, ist es ein Tor. Ein Flügel des Tors ist offen, eines geschlossen. Ich habe mich plötzlich an Vieles aus meiner Kindheit erinnert, an das ich schon Jahrzehnte nicht mehr gedacht hatte. Orte, die ich gemeinsam mit meinem Vater gesehen hatte, gemeinsame Erlebnisse, unser Haus, unser Garten, gemeinsame Wanderungen und Spaziergänge. Mir wurde plötzlich völlig klar, alles das nicht mehr mit ihm und auch nicht mehr ohne ihn erleben zu können. Auch war ich immer noch auch mit 45 die kleine Tochter von zweien. Aber wenn kein Vater mehr da war, gab es irgendwie auch keine kleine Tochter mehr. Damit war jetzt endgültig Schluss. Diese Endgültigkeit ist wohl das, was das Schwerste an Trauer ist – sie zu begreifen.

 

Durch die Trauer lernen

 

Wer Trauerfälle in der Familie erlebt hat, weiß es: man ist nach einem Jahr anders als zuvor. Ich konnte in diesem Jahr normal leben, nach außen jedenfalls. Aber es hat vieles gedauert, bis es sich wieder etwas unbeschwerter anfühlte, bis ich die Umstände des Todes akzeptieren konnte, bis ich mir keine wenn-dann-Fragen mehr gestellt habe. Wenn mich heute jemand fragen würde, wie soll ich trauern? Ich könnte keine Regel aufstellen, aber ich könnte erzählen, was mir geholfen hat:

      • sich auf die Trauer einlassen – Trauer ist brutal und tut ziemlich weh. Aber man kann es aushalten, nicht immer die komplette Dosis, aber Stück für Stück. Irgendwann findet man Wege, Rituale, die einem in der Trauer gut tun. Auch wenn es mir weh getan hat, meinen Vater auf Fotos zu sehen, stellte ich mir eines der letzten Fotos (es war 3 Tage alt) von ihm auf. Ich habe einen Ort in meinem Haus gewählt, wo ich zu ihm gesprochen habe, weil es mir gut getan hat, wo ich geschimpft und geweint habe und ihm jeden Tag eine Blume aus dem Garten ans Foto gestellt habe.
      • sich Zeit für Trauer nehmen – niemand weiß vorher, was die Trauer und der Verlust mit einem macht. Die Trauer kam mir anfangs vor wie ein gewaltiger Tsunamie, der mich umgehauen hat. Heute kommt hier und da eine größere Welle der Trauer. Aber heute weiß ich auch, sie ebbt wieder ab, und dann ist es gut.
      • Trauer verändert sich – Psychologen sprechen von verschiedenen Trauerphasen und tatsächlich, auch meine Trauer hat sich in diesem Jahr verändert. Es gab Phasen der absoluten Hilflosigkeit, es gab Wut und Unverständnis, es gab Resignation, und es gab wieder Mut und wachsende Unbeschwertheit.
      • über die eigene Trauer sprechen – früher haben Trauernde einige Zeit schwarze Kleidung getragen, manchmal sogar bis zu einem Jahr oder länger. Dann war für Alle klar: dieser Mensch trauert. Heute spielt das vor allem für jüngere Menschen keine Rolle mehr. Aber dadurch verschwindet für andere Menschen die Trauer schnell aus der Wahrnehmung. Und das tat mir weh. Mir tat es gut, immer wieder über meine Trauer sprechen zu können, um zu zeigen, es ist noch nicht überstanden.
      • „der Tod gehört dem Sterbenden, die Trauer den Hinterbliebenen“ – so ungefähr sagte es die Filmemacherin Hanna Bork in ihrer beeindruckenden Dokumentation „Fräulein Bork denkt übers Sterben nach“. Heute sehe ich das genauso. Durch die Überlegungen und Gespräche, wie das Begräbnis sein sollte, welche Blumen bestellt und ob Musik gespielt werden sollte, reist man wieder in die Verangenheit und beschäftigt sich viel mit dem Verstorbenen. Das tut ungemein gut und ist für mich ein ganz wichtiger Teil der Trauer gewesen. Es ist der letzte Liebesbeweis, den wir meinem Vater erbringen konnten: ihn so schön WIR nur konnten zu verabschieden.
      • kindliche Trauer – mein kleiner Sohn war mein bester Trauerbegleiter. So offen, wie er getrauert hat und seine Vorstellungen, wo sein Opi nun ist, haben mir ungemein geholfen, selber zu trauern, allein und mit ihm gemeinsam. Kinder wollen und müssen trauern können. Jedes Kind hat seine eigene Art zu trauern, und das dürfen wir Erwachsene nicht aus falscher Rücksichtnahme unterbinden.

 

Was man wissen sollte

 

Trauer ist kein alltäglicher Zustand und sie kann einen mitunter aus der Bahn werfen. Wenn Sie das Gefühl haben, nicht allein mit der Trauer klarzukommen, suchen Sie sich Menschen, die Sie dabei begleiten können wie ausgebildete Trauerbegleiter oder Psychologen.

 

Was bleibt

 

Was bleibt ist eine Wunde, die zwar heilt, aber immer da sein wird. Die Trauer ist zu einem Begleiter geworden, für den ich mir ab und zu bewusst Zeit nehmen kann, um ihn dann wieder für eine Weile verabschieden zu können. Was bleibt ist das Bewusstsein, dass auch mein Leben endlich ist. Was bleibt ist, dass in der Trauer die Chance steckt, als Familie zusammen zu rücken und darin zusammen und allein zu wachsen.

 

10 Gedanken zu „Wenn sich das Tor zur Kindheit langsam schließt

  1. Liebe Kerstin, vielen Dank für den wunderbaren Artikel zur Trauer. Du sprichst mir vieles aus dem Herzen. Mein großes Anliegen dabei ist es, dieses Tabuthema in unserer Gesellschaft mit aufzubrechen. Näheres in einem Gespräch. Nochmals DANKE

    1. Liebe Sabine, vielen Dank für Dein schönes Feedback! Ich bin schon gespannt auf unser Gespräch und bin gerne dabei! Liebe Grüße, Kerstin

  2. Liebe Kerstin,
    danke, dass du so offen über deine Trauer schreibst. Der Tod gehört zum Leben, ja, das stimmt. Ich finde es so wichtig und es ist auch mir ein großes Anliegen, dass wir darüber sprechen, dass es eben kein Tabuthema ist. Weil wir doch früher oder später alle davon betroffen sind. Ich kann mich in einigem, was du schreibst, wiederfinden. Vor allem in diesem Gefühl, dass die Zeit stehenbleibt.
    Liebe Grüße
    Silke

    1. Liebe Silke! Vielen Dank für Dein schönes Feedback! Und schön, dass es Websites wie Deine gibt, die Trauer nach außen bringen! Liebe Grüße Kerstin

  3. Liebe Kerstin,
    Das hast Du so schön geschrieben. Ich habe das Foto von Deinem Vater/ meinem Onkel dabei anschauen müssen. Deine Gefühle kann ich so gut nachempfinden. Man versucht sich an schöne Dinge mit dem geliebten Menschen zu erinnern, und man muss lachen, nur um dann auch wieder traurig zu werden, dass der Mensch nicht mehr da ist.
    Fühl Dich umarmt. Auch ich vermisse ihn.
    Anne Marie

  4. Liebe Kerstin,
    vielen DANK, dass Du Deine Trauer um Deinen Vater mit uns teilst! Für mich hast Du viel Tröstendes geschrieben.
    Vor etwas mehr als zwei Jahren ist meine Mutter ganz plötzlich gestorben. Ich war schon in der Stadt, wo sie wohnte, und ich wollte mich mit ihr zum Mittagessen treffen, als ich den Anruf bekam, dass sie gestorben ist. Stunden habe ich gebraucht, um zu begreifen, dass es kein Treffen mehr geben wird. Da ich aber schon in der Stadt war, wo sie die letzten Jahre verbrachte, konnte ich zusammen mit meinen Geschwistern Abschied nehmen und das tat mir sehr gut!
    Immer wieder trauere ich um meine Mutter und mir hat das „Tagebuch für Trauernde“ von Hans J. Zimmermann sehr geholfen. „Du bist mir nah“ heißt es und dort kann ich meine Trauer hineinschreiben, gerade auch wenn ich mal niemanden habe, der mir zuhören kann und meine Trauer mit mir teilt!

    1. Liebe Martina, vielen Dank für Dein schönes Feedback und dass Du Deine Erfahrungen mit mir teilst! Ich glaube inzwischen, dass das Vermissen von den Eltern nie aufhören wird – es wird vielleicht irgendwann etwas erträglicher, ich hoffe es…
      Herzliche Grüße, Kerstin

  5. Liebe Kerstin, ich bedanke mich für die tröstenden Worte. Mein Papa ist vor 19 Jahren ganz plötzlich zu Hause verstorben und noch immer warte ich jedes Jahr an meinem Geburtstag auf seinen Anruf. Wir waren uns so nahe das es immer noch sehr schmerzt. Trauer kann man nicht in Schubladen geben oder verallgemeinern. Trauer ist subjektiv. Der Artikel beschreibt sehr gut wie es ist, es sollten sich viel mehr Menschen das zu Herzen nehmen und reden. Denn das ist mir bei mir abgegangen, viele wollten nach kurzer Zeit nichts mehr hören. Sie sagten: das ist ja schon so lange her,und warum geht es dir noch immer schlecht. Das hat mich sehr wütend und traurig gemacht. So das ich nicht mehr darüber gesprochen habe. ich habe es mir dann von der Seele geschrieben, wie ein Tagebuch. Aber ich finde es schade das Trauer und Tot immer noch ein tabu Thema bei vielen ist. Deshalb nochmals Danke.
    Sabine Kolaja

    1. Liebe Sabine,
      vielen Dank für Dein schönes Feedback und Deine Worte. Ich hoffe, dass wir es schaffen, dass der Tod und vor allem die Trauer wieder mehr und mehr wahrgenommen und aktzeptiert werden.
      Herzlichst, Kerstin Hoffmann-Wagner

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