Mein kleiner Krebs – Teil 4

Leben nach dem Krebs

In meiner Blogserie „Mein kleiner Krebs“ schreibe ich über meine Brustkrebsdiagnose, die ich im Februar 2019 erhielt, und wie es für mich damit weiterging. Wir sind nunmehr in Teil 4 angekommen – dem vorerst letzten Teil meiner Serie. Warum der letzte Teil? Ich bin glücklicherweise inzwischen fertig mit meiner Therapie, krebsfrei, gehe wieder meinem gewohnten Alltag nach und will mich auch hier im Blog wieder dem alltäglichen Leben und seinen Themen widmen. Aber dieser Beitrag ist mir wichtig, weil er abschließt mit dem, was ich in den letzten Monaten erlebt und durchlebt habe.

Wer die ersten Beiträge gelesen hat weiß, dass ich Glück im Unglück hatte: Mein Brustkrebs wurde früh erkannt, konnte erfolgreich durch zwei Operationen entfernt werden und nach 28 Bestrahlungen bin ich nicht nur krebsfrei, sondern auch fertig mit meiner Therapie. Jetzt heißt es für mich, die Erkrankung auch wieder loszulassen. Das dürfte doch nicht so schwer sein, denken Sie sich jetzt vielleicht. Ist es aber tatsächlich. Ich habe einige Zeit dafür gebraucht, überhaupt zu verstehen, dass die Diagnose mich betrifft. Ich kam mir anfangs vor wie in einem schlechten Film. Doch mit der Zeit fühlte ich dann auch innerlich, was hier vor sich ging.

Es folgten Schlag auf Schlag die nächsten Schritte: Operationen, Zeit der Genesung, Bestrahlungen. In dieser Zeit war ich immer ärztlich betreut, konnte jeder Zeit Rat einholen und fühlte mich gut aufgehoben. Jetzt bin ich fertig und allein mit den Tatsachen. Eine Krebsdiagnose und die Therapie überstanden – also alles wieder im Lot und weiter wie bisher? Eher nicht.

Der Körper steckt eine solche Therapie erstaunlich gut weg. Die Narben verheilen und auch die Nebenwirkungen der Bestrahlungen, unter den ich noch vor einigen Wochen gelitten habe, verschwinden so langsam wieder. Die eigentliche Arbeit aber findet im Inneren statt: Was macht die Diagnose und das Erlebte mit mir? Mache ich so weiter wie bisher oder ändert sich irgend etwas?

Es ändert sich einiges und damit meine ich nicht, dass ich jetzt Superwoman bin, eins mit dem Universum und geläutert meinen Weg weiter gehe (zugegeben – etwas überspitzt). Aber es gibt eine neue Begleitung in meinem Leben: die Angst. Angst, dass der Krebs wiederkommt, Angst, dass etwas übersehen wurde, Angst, dass irgendeine Krankheit kommt, Angst, dass meiner Familie etwas passiert… Ich gestehe, bisher hat mich die Angst eher weniger begleitet. Ich konnte gut in das Leben vertrauen und darauf, was kommen mag.

Doch nach einer ernsten Erkrankung im vergangenen Jahr und meiner Krebsdiagnose in diesem Jahr ist eines in mir tief erschüttert und muss mühsam wieder aufgebaut werden: das Vertrauen in meinen Körper, in meine Gesundheit. Und das braucht Zeit und Geduld. Aber vielleicht braucht es auch Umdenken, denn Hand auf’s Herz: Gehen wir nicht eigentlich davon aus, dass völlige Gesundheit der Normalzustand ist? Krankheit soll und darf in unserer Gesellschaft einfach nicht sein. Dabei ist es völlig normal, dass auch unser Körper nicht allzeit perfekt funktioniert und hier und da Hilfe benötigt oder Zeit zum Ausruhen, wieder zu sich zu kommen, einen Neustart.

Wir meinen, immer jugendlich, fit, leistungsstark und gesund sein zu müssen, doch darüber vergessen wir eines: Dass Gesundheit ein großes Geschenk ist und es kein Scheitern, Versagen, selbstverschuldetes Schicksal oder gar peinliche Schwäche bedeutet, wenn wir krank werden. In unserer hochtechnisierten Zeit, in der es keine unvorgesehenen Ausfälle geben darf, wird bei einer Erkrankung häufig erst einmal gefragt, ob man das nicht hätte vermeiden können. Vielleicht bin ich ja doch ein wenig Schuld an meinem kleinen Krebs…

Wenn ich eines inzwischen weiß, dann das: Ich bin nicht schuld und es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die passieren einfach. Und genau das ist es, was ich mir immer bewusster mache in dieser Zeit: Es gibt keine 100%ige Sicherheit in keinem Bereich es Lebens. Allerdings verdrängen wir genau diesen wichtigen Aspekt des Lebens, denn er passt nicht in unsere Zeit. Nur wenn ich mir das immer wieder klar mache, bekomme ich eine Ahnung davon, was für ein Geschenk die Gesundheit ist. Und ich kann lernen, dankbar zu sein, für jeden gelebten Tag.

Ja, das hat sich sicher für mich geändert: Ich beginne, bewusster zu leben. Wenn ich merke, ich rege mich gewohnheitsmäßig wieder über rumliegende Klamotten meiner Kinder auf oder manch andere, an sich nichtige Dinge, halte ich tatsächlich hier und da inne und denke, es gibt schlimmeres. Wir sind gesund und wir sind zusammen – das ist es, was zählt.

Ich habe kürzlich einen Satz einer ebenfalls an Brustkrebs erkrankten Frau gelesen (leider habe ich ihren Namen vergessen, sonst hätte ich sie hier zitiert). Sinngemäß schrieb sie: „Wenn ich schon diesen Scheiß Brustkrebs habe und das alles mitmachen muss, dann will ich wenigstens am Ende irgendwas Gutes und Positives für mich mitnehmen.“ Das ist es, was sich gerade entwickelt. Es entwickelt sich für mich gerade ein gewisser Stolz, das alles geschafft zu haben und Dankbarkeit, dass ich gesund bin und es jetzt mehr denn jeh zu schätzen weiß.

2 Gedanken zu „Mein kleiner Krebs – Teil 4

  1. Kerstin, du bist eine wunderbare Frau – es ist einfach schön dich zu kennen!
    Deine Texte haben mich total gerührt….und zum Umdenken verleitet.
    Drücker und liebe Grüße aus Kassel
    Gudrun
    P.S. wann ist Cocktail – time?

    1. Liebe Gudrun,

      ganz herzlichen Dank für Dein Feedback und die Blumen 🙂 Und wie schön es erst ist, Dich zu kennen und von Dir zu lernen!
      Liebe Grüße,
      Kerstin
      p.s. Cocktail is coming soon 😉

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