Mein kleiner Krebs – Teil 2

Wie sage ich es meinem Kind?

Im ersten Teil meiner kleinen Serie ging es um meine Brustkrebs-Diagnose. Kein schöner Moment – so viel steht fest. Mich ereilte die Diagnose stückchenweise: Der erste Teil am Telefon während der Arbeit, der zweite Teil dann im Krankenhaus drei Tage nach meiner ersten Operation. Und dazwischen ist viel passiert.

Die Diagnose Krebs macht mit jedem Menschen, der sie bekommt, viel. Wie aber gehen andere Menschen mit meiner Diagnose um? Für niemanden ist die eigene Diagnose einer schweren Erkrankung einfach. Partner*in, Freunde*innen, Eltern, Geschwister – sie alle müssen mit der Diagnose umgehen, anders als ich, aber auch sie betrifft sie. Doch wenn Sie als Mutter oder Vater eine Krebsdiagnose bekommen, gibt es noch eine ganz andere Herausforderung: Wie sage ich es meinem Kind?

Hierfür gibt es keine allgemein gültige Anleitung. Jedes Kind ist anders, auch das Alter des Kindes ist entscheidend, wie ich es über die eigene Erkrankung infomiere. Aber sobald sich Kinder für Zusammenhänge interessieren, nachfragen, und das kann schon im Kindergartenalter sein, haben sie ein Recht darauf, über die Erkrankung von Mama oder Papa oder auch einem Geschwisterkind oder anderen Angehörigen informiert zu werden. Meine beiden Kinder waren zum Zeitpunkt der Diagnose 14 und 9 Jahre alt. Kinder haben sehr feine Antennen dafür, was das Verhalten und Wohlbefinden der Menschen betrifft, mit denen sie eng zusammenleben. Deswegen war auch für mich von Anfang an klar: Es gibt keine Heimlichkeiten.

Das Schwierigste dabei ist, eine gute Balance zu finden zwischen Ehrlichkeit und Vermeidung von Panik. Wie erkläre ich die Ernsthaftigkeit meiner Erkrankung, ohne unnötige Angst zu schüren? Auch hier ist jede Situation anders und die Prognose einer Erkrankung spielt ebenfalls eine Rolle. Ich habe mich kurz bevor ich zu den ersten Untersuchungen ins Brustzentrum gegangen bin entschlossen, meinen Kindern die Situation zu erklären: Es gab etwas, das mir seit einiger Zeit Probleme macht, und es werden nun Untersuchungen vorgenommen, die feststellen, was es ist. Und wenn es etwas ist, was da nicht hingehört, muss es behandelt werden. Als nach meiner Biopsie klar wurde, dass auch auch ein bösartiger Befund für mich dabei herausspringen könnte, habe ich meine Kinder auch darüber informiert. Ich wollte ihnen damit keine Angst machen, sondern sie vorbereiten auf das, was kommen kann. Sie hätten mir ohnehin angemerkt, dass etwas nicht stimmt.

Dabei habe ich immer mit beiden Kindern einzeln gesprochen, denn ein 14jähriger verarbeitet anders, als ein 9jähriger. Und sie stellen unterschiedliche Fragen. Als die Diagnose Brustkrebs kam, habe ich ihnen sehr zeitnah erklärt, was es bedeutet. All das fiel und fällt mir noch heute nicht immer leicht. Wie schaffe ich es, meine eigenen Ängste nicht auf die Kinder zu übertragen? Aber natürlich dürfen sie auch sehen, dass ich mir Sorgen mache. Mir war und ist es immer wichtig gewesen, dass sie wissen, dass es um Krebs geht, aber auch, dass er bei mir früh erkannt wurde und gut zu behandeln ist.

Mir ist es wichtig, dass meine Kinder Krebs nicht als Schreckgespenst wahrnehmen und sofort an Tod denken, sondern als ernste Erkrankung, die man heutzutage glücklicherweise gut und effektiv behandeln kann. Sie sollen lernen, dass eine gute Früherkennung wichtig ist, und dass es wichtig ist, auf sich zu achten und sich Hilfe zu holen. Kinder lernen von Vorbildern, und – auch wenn mir nicht jeden Tag nach Vorbildrolle ist – bin ich es doch für meine Kinder, auch in der Art und Weise, wie ich mit der Erkrankung umgehe.

Da meine Kinder mit fünf Jahren Altersunterschied unterschiedliche Bedürfnisse haben, was das Sprechen darüber und die Art der Information angeht, habe ich immer mit jedem Einzelnen gesprochen. Und zwar dann, wenn es gepasst hat. Ohne Pathetik, sondern fast ein wenig beiläufig, wenn es Informationen gab. Beispielsweise als klar war, dass ich für die Operation ins Krankenhaus muss und dass eine Bestrahlung folgen wird. Mit meinem großen Sohn konnte ich darüber sehr deutlich sprechen, aber irgendwann hat er mir immer signalisiert: Jetzt habe ich genug gehört, Danke für die Infos, aber jetzt gibts für mich andere Themen. Das muss man als Eltern akzeptieren.

Mit meinem jüngeren Sohn hat sich eine ganz eigene Sprache entwickelt. Da haben die Brüste nun Namen, so dass er sich immer nach der erkrankten Brust erkundigen kann. Und das tut er auch und ist dabei immer um ihr Wohlergehen besorgt. Dass nun in meiner Brust Krebs gewachsen ist, haben wir mit fehlgeleiteten Zellen begründet, die irgendwie vergessen haben, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Und die Bestrahlung ist wichtig, damit noch irgendwo im Verborgenen verbliebene, böse Schurken enttarnt und unschädlich gemacht werden können. Die Schurken sehen übrigens bei uns in etwa so wie links im Bild aus…

Wie ich eingangs schon erwähnt habe: Es gibt nicht den einen Weg, wann und wie Betroffene es ihren Kindern sagen. Dazu gehört viel Sensibilität und Sinn für Timing. Eines habe ich durch meine Kinder auf jeden Fall gelernt: Sie haben ihre ganz eigene Art mit meiner Erkrankung umzugehen, nämlich mitunter viel pragmatischer als ich. Wo ich mir Gedanken machen, wie sie es aufnehmen könnten, dass ich jetzt mal eine Pause brauche oder auch mal heule, weil es mir nicht gut geht, ist ihre Art, damit umzugehen: Das ist jetzt eben so und weiter gehts. Und das ist auch gut so.

Wir reden über meinen Brustkrebs, aber nicht immer und jeden Tag. Es gibt Alltag, auch wenn er mir manchmal schwer fällt, aber er hält uns im Hier und Jetzt. Ich bin immer da, wenn meine Kinder Fragen haben oder Ängste. Denn jedes Kind geht anders mit der Erkrankung seiner Eltern um* und wir als Eltern müssen dafür Antennen haben, wie es unseren Kindern damit geht. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass unsere Kinder von uns lernen, wie wir selbst mit solchen Herausforderungen umgehen.

Es bloggte Kerstin Hoffmann-Wagner

*Man muss im übrigen diese Situationen nicht alleine bewältigen: Holen Sie sich Hilfe und Unterstützung, wenn Sie das Gefühl haben, Sie und/oder Ihre Kinder und Angehörigen kommen mit Ihrer Erkrankung nicht alleine zurecht. Es gibt z.B. Psychoonkologen, die professionelle Hilfe leisten können oder auch der Kontakt zu anderen Betroffenen und deren Angehörigen kann helfen beim Umgang mit schweren Erkrankungen.

Foto: pixabay.com

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