Einmal Färben bitte! Oder über die Zeichen der Zeit

Ich habe es kürzlich getan: ich habe versucht, meine doch inzwischen zahlreichen grauen Haare wegzutönen. Nachdem mein älterer Sohn mir schon auf sehr charmante Weise zu verstehen gegeben hat: „Mama, das sieht nicht gut aus“, wollte ich sie einfach unsichtbar machen.

Auf den Rat meiner Friseurin wählte ich meinen Naturton und führte die Tönung ordnungsgemäß durch. Das Ergebnis? Mehr als niederschmetternd: es hat nichts, aber auch gar nichts verändert. Meine Haare weigern sich strickt, die Tönung auch nur annähernd anzunehmen – die grauen unter den Haaren scheinen sich dabei in’s Fäustchen zu lachen.

Älterwerden passt nicht zu mir!

 

Aber was mache ich hier eigentlich? Irgendwie bin ich das erste Mal an einem Punkt, an dem ich darüber nachdenke, was Alter mit mir macht und empfinde die sichtbaren Beweise für meine 46 Jahre als unangenehm. Ich und grau? Pah, das passt doch gar nicht zu mir.

Ich muss zugeben, dass ich mich neben der unwirksamen Tönung eigentlich am meisten über mich selbst wundere: ich hätte vorher nie zugegeben, dass ich in irgendeiner Weise ein Problem mit dem Älterwerden haben könnte. Aber jetzt, wo es deutlich sichtbar wird, gestehe ich: ja, ich muss mich daran erst gewöhnen.

 

„Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu.“

Marcus Tullius Cicero

 

Aber warum ist das so? Man altert doch nicht über Nacht, sondern reift Tag um Tag, Jahr um Jahr und so weiter. Dennoch gibt es Augenblicke im Leben, in denen es einem mit voller Brutalität klar wird. Mir fallen immer mehr die jüngeren Menschen auf, die inzwischen auch erwachsen sind und dennoch tatsächlich meine Kinder sein könnten. Mir fällt auf, dass ich vermutlich meine Lebenshälte gerade erreicht oder gar überschritten habe.

Ich habe bei dem Verfassen dieses Beitrags nach Zitaten zum Älterwerden gesucht. Es war wirklich erschreckend, wieviele davon durchweg negativ waren. Älterwerden ist offensichtlich nicht erstrebenswert und von der Gesellschaft nicht gern gesehen.

Sicher gibt es inzwischen gute Beispiele gerade aus der Welt der Mode, in der bewusst auf Best-Ager-Models in Fotostrecken gesetzt wird. Sie zeigen, dass Alter durchaus schön sein kann und nichts ist, was man verstecken muss. Aber machen wir uns nichts vor: auch hier werden in der Regel so schöne Menschen gezeigt, dass es wieder im Bereich des Unerreichbaren für uns Normalbürger liegt.

Und die Moral von dem Tönungsdesaster?

 

Ja, danach suche ich auch noch. Aber es ist mir klar geworden, dass ich noch viel mehr Gelassenheit brauche, um dazu zu stehen, dass auch ich älter werde. Dass mein Leben nicht abrupt aufhört (das hoffe ich doch mal!), sondern, dass es auch in den nächsten Jahren noch viel Neues und Spannendes bereit hält. Aber dass es dazu gehört, äußerliche Veränderungen zu akzeptieren und zu lernen, sie anzunehmen und zu mögen, wie es auch vorher mit anderen Merkmalen war. Und eines ist dabei völlig klar und sollte einem etwas Leichtigkeit zurück geben: wir alle machen diese Entwicklung durch und sind damit nie allein.

Also, liebe Frauen, lernen wir gemeinsam, zu grauen Haaren und Linien im Gesicht zu stehen, denn beides steht für gelebtes Leben und für Geschichten, die uns ausmachen.

Es bloggte: Kerstin Hoffmann-Wagner


Wie empfinden Sie das Älterwerden? Ich freue mich über Ihre Gedanken! Sie können Sie gerne hier als Kommentar mit uns teilen oder uns als Nachricht schicken.

4 Gedanken zu „Einmal Färben bitte! Oder über die Zeichen der Zeit

  1. Liebe Kerstin,
    mit blonden Haaren fällt bei mir das Färben (so glaube ich jedenfalls) weg, aber auch ich denke über das Älterwerden mehr und mehr nach. Besonders, nachdem die 4 nun dieses Jahr vor der Null stand… Aber ein wunderschönes Zitat habe ich für Dich/ Uns:

    „Älterwerden ist wie auf einen Berg steigen. Je höher man kommt, um so mehr Kräfte sind verbraucht, aber um so weiter sieht man.“
    (Ingmar Bergmann)

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne Aussicht 😉

    1. Liebe Karen,

      vielen Dank für Deine Erfahrungen! Das Zitat ist der Hammer! Es zeigt mir wieder ganz deutlich, dass Älterwerden ganz viel mit Änderung der Sichtweise darauf zu tun hat.

      Herzliche Grüße,
      Kerstin

  2. Oh ja, diese Erkenntnis, dass ich so langsam immer mehr altere,hat mich auch schon getroffen. Besonders die Söhne scheinen da gerne direkt darauf hin zu weisen.
    Damit dann wirklich gelassen umzugehen, ist nicht einfach.
    Dennoch ist es eine wichtige und spannende Übung. Denn über die grauen Haare hinaus wird es noch mehr geben, mit dem ich angemessen umgehen können sollte.
    Da gilt es dann immer die Balance zu finden zwischen annehmen und die Möglichkeiten zur Änderung dieser Dinge massvoll und klug zu nutzen.
    Herzliche Grüße Silke

    1. Liebe Silke,

      vielen Dank für Deine Gedanken! Du hast völlig Recht: die grauen Haare sind nur der Anfang. Es ist vermutlich ratsam, sich schon früh mit dem Älterwerden anzufreunden ?

      Herzliche Grüße, Kerstin

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