Homeoffice

10 Jahre Homeoffice – zwischen Einsamkeit und völliger Freiheit

Viel wird über die nötige Veränderung von Arbeitswelten und -formen geschrieben und diskutiert. Auch ich bin schon lange der Meinung, dass Unternehmen von dem als selbstverständlich vorausgesetzen Präsenzzwang seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weggehen sollte – da natürlich, wo es in das Tätigkeitfeld passt.

Die Arbeit im Homeoffice ist dabei ein mögliches Modell, das seit langem in den Ring geworfen wird, wenn es um die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen geht. Es gibt viele Vor-, aber auch Nachteile. Ich schreibe hier über meine Sicht auf das Homeoffice, denn ich habe – tada – in diesem Jahr ein Jubiläum: 10 Jahre Homeoffice! Das sollte ein Anlass sein, mal aus dem Homeofficenähkästchen zu plaudern.

 

Der Druck muss raus!

 

Als ich vor 10 Jahren von meinem damaligen Arbeitgeber die Möglichkeit bekam, meine Teilzeittätigkeit in der Firma um einen Homeoffice-Platz zu ergänzen, habe ich schnell zugestimmt. Sofort war mir klar, da gibt es für mich eine Chance der persönlichen Entlastung. Als Projektleitung für Events kann man nicht um Punkt 14, 15 Uhr oder wann auch immer sagen, ich bin jetzt fertig für heute. Gerade kurz vor den Eventterminen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren – nur war das Abholzeiten von Tagesmüttern oder Betreuungseinrichtungen meiner Kinder herzlich egal.

Für mich verringerte sich ein Stück weit der Druck, den ich verspürte, wenn ich mal wieder mit wehenden Fahnen das Büro verließ, um rechtzeitig die S-Bahn zu erreichen und pünktlich meine Kinder einzusammeln. Durch die Möglichkeit, wichtige Dinge später in Ruhe von zu Hause aus noch erledigen zu können, wurde mir ein großes Stück Flexibilität gegeben.

 

Die Mär von der Hängematte

 

Gerade in den ersten Zeiten, in denen Unternehmen ihren Mitarbeitern die Arbeit im Homeoffice ermöglichten, war nicht selten ein mißtrauischer Unterton in Gesprächen zu vernehmen: arbeitet die wirklich, wenn sie ihre Homeoffice-Zeit hat? Kriegt sie ihre Arbeitsstunden ehrlich zusammen? Was macht die da eigentlich genau?

Eine wichtige Voraussetzung für Homeoffice-Arbeit im Unternehmen: Vertrauen! Es gibt natürlich Mittel und Wege dafür, die Zeiten, die ich an meinem Firmennotebook gearbeitet habe, zu erfassen. Aber letztlich musste mir mein Unternehmen das Vertrauen entgegenbringen, das ich meine Arbeit mache. Und letztlich ist das auch Teil einer sich ändernden Arbeitswelt: es ist erst einmal egal, wann und wo ich Teile meiner Arbeit erledige. Wichtig ist, dass ich sie ordnungsgemäß und pünktlich erledigt habe. Und in meinem Fall, haben die Eventprojekte letztlich gezeigt, wie zuverlässig ich gearbeitet habe. Aber ich habe es selbst in der Hand, wann ich meine Tätigkeiten im Homeoffice erledige.

 

Die Sache mit den Grenzen

 

Homeoffice braucht Grenzen, denn es spielt sich inmitten meines privaten Umfeldes ab. Mal schnell die Waschmaschine anschalten, zwischendurch durch die Wohnung feudeln, kochen und nebenbei Mails schreiben – das funktioniert auf Dauer nicht. Auch die Ihnen vermutlich ebenso wie mir bekannten Fotos von glücklichen, gut aussehenden Müttern, die fleißig telefonieren oder mit ihrem Notebook arbeiten, während ihre ebenso glücklich und gut aussehenden Kinder neben ihnen friedlich spielen oder auf Mamas Schoß sitzen. Nicht bei mir! Mit meinen Kindern hat das nie geklappt und glauben Sie mir, auch ich habe es versucht.

Grenzen sind im Homeoffice die Basis für das Gelingen: wann ist Homeoffice-Zeit? Wann ist Familienzeit? Diese strickte Trennung erfordert Struktur in Homeoffice-Tagen von Anfang an. Es gibt die Zeiten, in denen ich wie andere Menschen auch in mein Büro gehe und am Schreibtisch sitze und arbeite – aber eben nur ein Zimmer weiter. Und es gibt die Zeiten, in der Regel nachmittags, in denen meine Familie im Vordergrund steht – Hausgaufgaben mit den Kindern, Spielzeit und Haushaltszeit. Gibt es noch etwas für das Business zu tun, dann müssen eben die Abendstunden herhalten, wenn die Kinder von anderen Familienmitgliedern betreut sind oder einfach schon schlafen. Gerade seit ich durch meine Selbständigkeit voll und ganz im Homeoffice arbeite, ist diese Struktur immens wichtig. Denn Business und Familie funktioniert bei mir nicht zeitgleich (es gibt kleine Ausnahmen, aber das bleiben sie auch).

 

Zwischen Einsamkeit und völliger Freiheit

 

Jeder, der permanent im Homeoffice arbeitet, kennt genau diesen Zwiespalt. In meinem heimischen Büro zu arbeiten verschafft mir große Freiheit – zeitlich, aber auch monetär, denn ich brauche keine teuren Büroräume und habe weniger Fahrtkosten. Ich bin entweder im Homeoffice, beim Kunden vor Ort oder in externen Meetingspaces. Aber was in diesem Arbeitsmodell fehlt, ist der regelmäßige, persönliche Austausch mit Kollegen, Zimmer- oder Flurnachbarn. Der Kaffee am Morgen im Büro mit einem kurzen Gespräch, das fehlt mir sehr.

Zum Glück gibt es dafür heute Abhilfe in den zahlreichen CoWorking-Spaces, in denen man auch kurzfristig, tage- oder auch stundenweise einen Schreibtisch buchen kann und unter Menschen arbeitet. Das oder auch die regelmäßigen Treffen in meinem Businessnetzwerk sind unerlässliche Ergänzungen, um in Kontakt zu bleiben und eine Art kollegialen Austausch zu haben.

 

Mein Fazit und meine Tipps

 

Mein persönliches Fazit aus 10 Jahren Homeoffice? Für mich die ideale Arbeitsform. Ich würde es immer wieder tun. Hier meine wichtigsten Erfahrungen aus dieser Zeit in fünf Tipps gepackt:

  1. Fester Arbeitsplatz. Ideal für die Arbeit im Homeoffice ist ein eigenes Büro. Ein separates Zimmer, das nicht als Wäschekammer oder Bügelzimmer genutzt wird, und in dem die Tür auch mal geschlossen werden kann – von innen für die Arbeit, aber auch von außen für den Feierabend. Nicht immer geben die persönlichen Wohnverhältinisse einen eigenen Arbeitsraum her. Wichtig ist dann aber ein eigener Arbeitsplatz. Ein eigener Schreibtisch, der ausschließlich für die Arbeit genutzt wird und nicht zum Basteln mit den Kindern.
  2. Feste Tagesstrukturen. Es gibt Arbeitszeiten und es gibt Familienzeiten – diese Trennung muss sein, um sich auf den jeweiligen Bereich voll und ganz konzentrieren zu können. Es gibt Ausnahmen, aber dabei sollte es auch bleiben.
  3. Festes Netzwerk. Ein gutes Businessnetzwerk ist immens wichtig, um den Kontakt zur Außenwelt zu halten. Der regelmäßiger Austausch über das eigene Themengebiet hinaus bereichert und gibt immer wieder neue Impulse. Auch kleine, feste Erfolgsteams o.ä., mit denen man sich zu festen Terminen trifft und über aktuelle Herausforderungen im Job oder Business austauscht, geben eine Art kollegiale Struktur.
  4. Offenheit. Anfangs wurde ich mitunter als Selbständige belächelt, weil ich im Homeoffice arbeite und nachmittags in der Regel nicht persönlich erreichbar bin. Seit ich das ganz offen und selbstbewusst darüber kommuniziere, fahre ich besser! Keiner meiner Aufträge hat bisher darunter gelitten. Aus falscher Scharm zu sagen, „klar bin ich durchgehend erreichbar“, schafft nur Druck und Unmut. Ich nehme mir die Freiheit, 100%ig bei meinen Kunden sein zu können – das aber eben zu bestimmten Zeiten.
  5. Selbsteinschätzung. Seien Sie offen und ehrlich zu sich: sind Sie der Homeoffice-Typ? Ja, man braucht Selbst-Disziplin und ja, man muss alleine arbeiten können. Aber das sollte das Ziel einer sich ändernden Arbeitswelt sein: das Arbeitsmodell zu finden und wählen zu können, das optimal für die Mitarbeiter und deren Talente und Tätigkeiten ist.

 

Es bloggte Kerstin Hoffmann-Wagner und übrigens zeigt das Foto nicht mein eigenes Homeoffice.


 

Wie sehen Ihre Erfahrunge im eigenen Homeoffice aus? War es für Sie die richtige Entscheidung? Wir freuen uns über Ihre Kommentare und Nachrichten!

 

4 Gedanken zu „10 Jahre Homeoffice – zwischen Einsamkeit und völliger Freiheit

  1. Hallo Kerstin, ein super Artikel welchem ich nur zustimmen kann.

    Ich selbst arbeite auch seit vielen Jahren als Selbständige im Homeoffice. Zu Beginn habe ich den Fehler gemacht alle Aufgaben allein zu erledigen, was zu genau zwei Problemen führte:
    1.) Ich war ständig allein und irgendwie einsam, was wenig erfüllend ist
    2.) Ich hatte nicht den erhofften Erfolg, weil ich mein Ziel – wegen der vielen Aufgaben- aus den Augen verloren habe

    Heute habe ich mir ein BBusiness-Nerzwerk geschaffen wodurch ich beide Probleme lösen konnte.

    Nie wieder möchte ich anders arbeiten!

    LG

    Manu Aust

    1. Liebe Manu,

      vielen Dank für Dein schönes Feedback und dafür, dass Du Deine Homeoffice-Erfahrungen mit uns teilst. Es ist ein Sich Entwickeln und Wachsen, was das HO so spannend macht!

      Herzliche Grüße
      Kerstin Hoffmann-Wagner

  2. Hallo Kerstin,

    ein guter und wahrer Artikel. Ich arbeite seit ca. einem Jahr im Homeoffice und es ist wirklich immer ein Spagat und eine enorme Selbstdisziplin ist unerlässlich. Ich bin dennoch glücklich, dass ich mich dafür entschieden habe. Ein fester Platz zum Arbeiten ist für mich das absolut wichtigste dabei, sonst würde es für mich nicht funktionieren.

    Daher stimme ich dir voll und ganz zu, dass man feste Regeln haben muss, denn die Vermischung von Beruf und privat ist absolut nicht sinnvoll.

    Liebe Grüße
    Adina

    1. Liebe Adina,
      vielen Dank für Dein schönes Feedback! Es ist auch für mich total spannend zu sehen, dass auch andere meine Erfahrungen mit dem HO kennen. 🙂

      Herzliche Grüße,
      Kerstin

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